"Tinder die Stadt"

Software-bezogene Szenarien zur Überwindung der Krise mediatisierter Öffentlichkeit in Stadt und Umland


Projektleitung: Prof. Dr. Andreas Hepp (ZeMKI, Universität Bremen), Prof. Dr. Andreas Breiter (ifib, Universität Bremen) und PD Dr. Wiebke Loosen (Hans-Bredow-Institut)

Projektmitarbeit: Ulrike Gerhard (ifib), Andrea Grahl (ZeMKI, Universität Bremen), Katharina Heitmann (ZeMKI, Universität Bremen), Hendrik Hoch (ifib), Dr. Leif Kramp (ZeMKI, Universität Bremen), Julius Reimer (Hans-Bredow-Institut), Adrian Roeske (ifib), Lies van Roessel (ZeMKI, Universität Bremen, 2017-2018)

Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Laufzeit: 2017-2019

Regionalzeitungen sind ebenso in der Krise wie sich bisherige Apps für lokale Zeitungen nicht etablierten konnten. Vor dem Hintergrund wollen Forscherinnen und Forscher sowie Entwicklerinnen und Entwickler des Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) und des Instituts für Informationsmanagement an der Universität Bremen bzw. des Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung experimentelle neue Wege gehen: In „co-creation“, d.h. gemeinsam mit den zukünftigen Nutzerinnen und Nutzern soll eine innovative mobile Nachrichten- und Informations-App für junge Leute in der Stadt und im Umland entwickelt werden

Ausgangspunkt der Überlegung für die App ist, dass bisherige Entwicklungen zu sehr durch den Blickwinkel der etablierten Medienhäuser getrieben wurden: Im Kern ging es darum, das bestehende Angebot auf mobile Endgeräte zu bringen. Die Interessen und Gewohnheiten der Nutzerinnen und Nutzer wurden erst im zweiten Schritt berücksichtigt. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt geht einen radikal anderen, experimentellen Schritt: Es fängt mit Forschung zur Alltagsnutzung junger Menschen an und entwickelt mit diesen Schritt für Schritt gemeinsam – in co-creation – wie eine ideale lokale Nachrichten- und Informations-App aussehen sollte. In den zwei Jahren der Förderung des Projekts soll so eine experimentelle App mit Redaktionssystem entstehen. „Die App soll zeigen, was möglich ist, wenn man das Denken umdreht und nicht von den Gewohnheiten und Interessen von Medienunternehmen ausgeht, sondern von denen der Nutzerinnen und Nutzer“, sagt Prof. Dr. Andreas Hepp (ZeMKI), der zusammen mit Prof. Dr. Andreas Breiter vom Institut für Informationsmanagement Bremen sowie PD Dr. Wiebke Loosen vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg das Projekt leitet. Durch ein solches Vorgehen soll der Möglichkeitsraum vollkommen neu ausgelotet werden und Anstöße für die generelle Entwicklung solcher Software gegeben werden.

Das Projekt verbindet empirische kommunikations- und medienwissenschaftlicher Forschung mit co-kreativer Softwareentwicklung. Beides soll dazu dienen, mit der experimentellen App einem sich abzeichnenden Relevanzverlust von Stadt und Region entgegenzuwirken. Für die Krise der mediatisierten Öffentlichkeit in Stadt und Land stehen u.a. die mobile Lebensweise, die ortsungebundenen sozialen Beziehungen und die sehr unterschiedlichen Weisen der Mediennutzung. Die klassischen Regional- und Lokalmedien können damit nicht hinreichend umgehen und verlieren mehr und mehr an Bedeutung. Vor allem erreichen sie viele (junge) Menschen nicht mehr.

Entwickelt werden soll die experimentelle App für das Land Bremen und zwei angrenzende Landkreise (Diepholz und Osterholz). Hier wird in den kommenden beiden Jahren empirisch zu Stadtöffentlichkeit geforscht und auf Basis der Befunde eine online-basierte, von klassischen Nachrichtenanbietern unabhängige mobile App als experimenteller Prototyp entwickelt. Die App richtet sich vor allem an junge Menschen (16 bis 36 Jahre). Sie soll ähnlich intuitiv zu bedienen sein wie die Dating-App „Tinder“, d.h. Inhalte zum „Lesen“ oder „Wegwischen“ präsentieren und dabei im Hinblick auf die Interessen der Nutzerinnen und Nutzer „selbstlernend“ sein.

Bei der Entwicklung der App soll eng mit der Medien- und Digitalwirtschaft in der Metropolregion Bremen, den Stadt- und Gemeindeverwaltungen, Stadtteilbeiräten sowie den in der Stadt und im Umland aktiven politischen Parteien und Verbänden zusammengearbeitet werden als auch mit weiteren lokalen Kollektiven wie z.B. Sportvereinen, (Nachbarschafts-) Initiativen, Kunstvereinen/-initiativen, sozialen Bewegungen mit Lokalbezug oder religiösen Gemeinden. Durch diesen Co-Creation-Ansatz werden empirische Befunde und Erkenntnisse sowie Erwartungen und Wünsche zukünftiger Nutzerinnen und Nutzer schon zu Beginn in den gesamten Prozess der Softwareentwicklung einbezogen.

Ausgewählte Publikationen

  • Heise, Nele/Loosen, Wiebke/Reimer, Julius/Schmidt, Jan-Hinrik (2014): Including the audience. Comparing the attitudes and expectations of journalists and users towards participation in German TV news journalism. In: Journalism Studies, 15(4), 411–430. DOI:10.1080/1461670X.2013.831232.
  • Hepp, Andreas/ Kubitschko, Sebastian/ Marszolek, Inge (Hrsg.) (2017): Die mediatisierte Stadt: Kommunikative Figurationen des urbanen Zusammenlebens. Wiesbaden: Springer VS, im Erscheinen.
  • Hepp, Andreas/ Simon, Piet/ Sowinska, Monika (2017): Living together in the mediatized city: Young people’s communicative figurations of urban communitization. In: Andreas Hepp/ Andreas Breiter/ Uwe Hasebrink (Hrsg.): Communicative figurations: Transforming Communications in times of deep mediatization. Basingstoke: Palgrave, im Erscheinen.
  • Kramp, Leif (2016): Conceptualizing metropolitan journalism: New approaches, new communicative practices, new perspectives? In Leif Kramp/ Nico Carpentier/ Andreas Hepp/ Richard Kilborn/ Risto Kunelius/ Hannu Nieminen/ Tobias Olsson/ Pille Pruulmann-Vengerfeldt/ Ilija Tomanić Trivundža/ Simone Tosoni (Hrsg.): Politics, Civil Society and Participation: Media and Communications in a Transforming Environment. Bremen: edition lumiere, pp. 151-183.
  • Loosen, Wiebke (2016): Publikumsbeteiligung im Journalismus. In: Klaus Meier & Christoph Neuberger (Hg.): Journalismusforschung. Stand und Perspektiven. 2., aktualis. u. erw. Aufl. Baden-Baden: Nomos, 287–316.
  • Loosen, Wiebke/Schmidt, Jan-Hinrik (2012): (Re-)Discovering the audience. The relationship between journalism and audience in networked digital media. In: Information, Communication & Society, 15(6), 867–887. DOI:10.1080/1369118X.2012.665467.
  • Reimer, Julius/Heise, Nele/Loosen, Wiebke/Schmidt, Jan-Hinrik/Klein, Jonas/Attrodt, Ariane/Quader, Anne (2015): Publikumsinklusion beim “Freitag”. Fallstudienbericht aus dem DFG-Projekt „Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums". Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts Nr. 36. Hamburg: Hans-Bredow-Institut für Medienforschung. Online verfügbar:http://www.hans-bredow-institut.de/webfm_send/1115.